zwischen den Jahren

 

…habe ich Zeit für ganz spezielle Arbeiten. Ich bekam eine Anfrage, ob ich eine 8-Stunden Uhr machen könnte. Acht Stunden? Für die Gewerkschaft? Richtig. Ein Blick auf seine Homepage zeigt, dass es schon was mit 8 Stunden Arbeit – 8 Stunden Freizeit und 8 Stunden Schlaf zu tun hat. Für solche Umbauten bin ich Spezialist, z.B. bei meinen Dezimaluhren. Das müsst ja über eine geänderte Übersetzung zwischen Viertelrohr und Stundenrad gehen. Also mal gezählt: Viertelrohr 12 Zähne, Wechselrad 36 Zähne = 1:3 als Übersetzung. Dann Tip-Tip-Tip in den Taschenrechner und siehe da: Wechselradtrieb 12 Zähne, neues Stundenrad 32  Zähne. Das Viertelrohr hat ja 12 Zähne, vielleicht kann ich das nehmen. Noch mal den Taschenrechner bemühen, dann müsste das ein Modul von 0,19 sein. Uff, so einen Fräser habe ich nicht. Aber Modul 0,2 habe ich. Und wenn ich den Kopfkreisdurchmesser und die Frästiefe etwas anpasse, müsste das klappen. Es wird ja nur ein Drehimpuls und kein Drehmoment übertragen. Bei einem Räderwerk zwischen Federhaus und Gangrad geht so etwas natürlich nicht. Das versuche ich jetzt mal. Material passend abdrehen und den Teilkopf einrichten, den Fräser einspannen und los geht’s. Zahnlücke für Zahnlücke wird gefräst, dazwischen immer um 1/32 Umdrehung weiterstellen.

Fast fertig

Und da liegt das Werkstück.

In der Drehbank wird der vordere Ansatz angedreht, auf dem dann der Stundenzeiger sitzt.

Dann wird „eine Scheibe“ abgestochen. Erst noch etwas dicker als benötigt.

Da liegt das gute Stück

In der kleineren Drehbank entferne ich den „Kaiser“, der beim Abstechen stehenbleibt.

Und dann bohre ich das Mittelloch.

Erst jetzt drehe ich das Rad auf die passende Stärke. Damit sich das Rad nicht durchbiegt, habe ich mir eine spezielle Aufnahme dafür gemacht. Das Rad wird dabei von der Rückseite abgestützt.

Der Umbau des Wechselrades war relativ unproblematisch, ich musst nur ein kleines Futter drehen. Die Bohrung im Wechselrad ist etwas größer als der Ansatz des Viertelrohrs.

Weil das Trieb aber größer ist, muss die Winkelhebelfeder etwas ausgefeilt werden.

Und jetzt zur Probe mal das neue Stundenrad aufsetzen. Tschacka ! Es läuft.

Das Entgraten des Rades war dann etwas langwierig. Ich musste mit 1.000er Schmirgel einzeln jeden Zahn bzw. jede Zahnlücke schleifen. Aber mit etwas Geduld klappt das auch. In der Industrie wird das bestimmt anders gemacht.

Während das Werk mal zur Probe läuft, mache ich die weiteren Teile. Das Futter für den Sekundenzeiger. Den drehe ich aus dickerem Material als üblich.

Warum? Kommt gleich. Erst mal ein Loch bohren, Ø 0,23 mm. Puh, das klappt auch nicht immer beim ersten Versuch. Da muss man schon mit etwas Schwund rechnen.

Zwei Futter sind fertig.

Also warum? Der Auftraggeber möchte keinen Sekundenzeiger, sondern eine sich drehende Scheibe mit seinem Logo. Die soll möglichst plan mit dem Zifferblatt abschließen. Theoretisch kein Problem. Aber wie soll man so eine Scheibe wieder demontieren? Bei einer Reparatur zum Beispiel. Mit dem großen Ansatz kann man das Zifferblatt lösen und die Scheibe mit dem Blatt vorsichtig abnehmen. Das Zifferblatt kommt als nächstes. Ich nehme ein nicht bedrucktes Blatt. Das ist 0,35 mm dick. Passend dazu fräse ich eine Scheibe im selben Durchmesser, 0,5 mm dick.

Die klebe ich auf das Zifferblatt. Als Sandwichdial sozusagen.

Auf der Planscheibe drehe ich in die obere Scheibe ein Loch. Darin soll nachher die Sekundenscheibe laufen.

Und hier ist das Futter aufgesetzt. Das kann nun mit dem Zifferblatt zusammen vorsichtig abgenommen werden, wenn erforderlich.

So läuft dann die Scheibe, ist noch nicht tief genug aufgedrückt.

Der Auftraggeber hatte mir mehrere Zifferblattvarianten geschickt. Einmal als reine Einzeigeruhr mit Teilstrichen zu je 3 Minuten.

Und mit 2 Zeigern, wobei der Minutenzeiger normal läuft, nur der Stundenzeiger macht 3 Umdrehungen am Tag. Dieses Zifferblatt drucke ich sauber auf ein Klebeetikett.

Für etwas mehr Glanz sorgt eine Schicht Tesafilm.

Das Etikett fixiere ich am Bürofenster und klebe das Blatt dann passend auf.

Mit einem sauscharfen Messer schneide ich das Blatt aus. Ebenso das Mittelloch und die Ausdrehung.

Den Rand der Ausdrehung habe ich vorher mit einem Lackstift weiß gemacht. Ebenso „beschrifte“ ich die Sekundenscheibe.

Jetzt mal eine Anprobe.

Die Sekundenscheibe kann noch etwas tiefer.

Ich hatte mir mal Zeiger lasern lassen, bei denen ich mich im Maßstab vertan habe. Oder hatte ich Radius und Durchmesser verwechselt? Egal, die kann ich jetzt brauchen. Auf den Entwürfen waren ähnliche Zeiger eingezeichnet.

Könnten aber noch etwas kürzer sein.

Damit wäre der Auftrag eigentlich erledigt. Der Kunde bekommt das angebotene Funktionsmuster. Ich könnte mich also zufrieden zurücklehnen und die Rechnung schreiben. Da der Umbau des Wechselrades (ich hatte für das neue Trieb 6-8 Stunden gerechnet) aber besser ging als erwartet, baue ich ein zweites Werk auf diese Anzeige um. Diesmal die Einzeiger- Variante. Und auch nicht mit der versenkten Sekundenscheibe. Dieses Werk möchte ich in ein Gehäuse einbauen, um dem Kunden auch eine voll funktionsfähige Uhr liefern zu können. Ich hatte ja mehrere Stundenräder gemacht. Und das Werk mit zwei Zeigern passt wegen des dickeren Zifferblattes nicht in ein Standardgehäuse.

Aber irgendwie sieht mir das noch etwas blass und farblos aus. Und deshalb, (und weil ich so ein netter Kerl bin) nehme ich die Zeiger noch einmal runter, schleife sie, reinige und entfette sie und lasse sie auf der Heizplatte an.

Den langen Stundenzeiger goldgelb. (sehr edel)

Die beiden anderen klassisch blau.

Dann nehme ich ein Gehäuse aus meinem Bestand (was ich alles habe) und setze das Werk der Einzeigeruhr da rein.

Jetzt noch ein Band montieren und eine erste Anprobe am Handgelenk.

Das ist jetzt kein Funktionsmuster mehr sondern ein echter Prototyp. Ich sage auch gerne „Erlkönig“ dazu. In Anlehnung an neue, noch geheime Modelle der KFZ- Branche.
Ich bin mit meiner Arbeit sehr zufrieden, ich hoffe, der Auftraggeber ist es auch.
Und jetzt muss ich mal aufräumen und sauber machen. Wenn ich an solchen Aufträgen arbeite, neige ich dazu, mich ringsrum „zuzuarbeiten“. Auch Dinge, die ich nur einmal brauche, lege ich nicht gleich zurück an den Platz, wo sie eigentlich hingehören. Ich könnte den Kasten ja noch mal brauchen.

So, das wars. Alles wieder sauber und weggeräumt. Dann kann ich nächste Woche gleich weiterarbeiten. Es sind inzwischen ein paar Reparaturen gekommen, die ich dann gleich in Angriff nehmen muss.

Und dann muss ich mich auch langsam mal um mein neues Projekt „Vintage“ kümmern. Diese Uhr sollte ja bis Ostern fertig sein. Siehe dazu den vorherigen Beitrag.