Ebbe und Flut, eine Tidenuhr

In einem Uhrenforum kam die Frage nach einer Armbanduhr mit Tidenanzeige auf. Es gab einige Vorschläge und viele Gedanken dazu. Mal realisierbare, mal etwas „abgehobenen“, also utopische Ideen. Aber mein Interesse war geweckt. Tidenuhr? Hmmmm….. das ist ja genau mein Ding. Für eine Armbanduhr ist mir das zu aufwändig, zu wenig erfolgversprechend und recht hohe (teure) Fremdleistungen. Aber als batteriebetriebene Wanduhr wäre das eine Überlegung wert. Kann man ja mal machen. Einfach, weil es Spaß macht. Kurze Recherche im Netz, maritime Uhren mit Tidenanzeige gibt es viele. Aber mir schwebt etwas intuitiv ablesbares vor. Schnell mal eine Skizze machen.

Erst dachte ich an eine Aufteilung wie bei der Wanduhr mit Dezimalanzeige und separatem Zifferblatt für die „Erdenzeit“. Aber eine Tidenanzeige bei 6 Uhr ist doch etwas gefälliger.

Diesen Entwurf habe ich dann noch etwas überarbeitet. Auf die Beschriftung HT (high tide) und LT (low tide) werde ich aber verzichten. Es ist ja klar, dass oben Hochwasser ist.

Das Design des Blattes steht also schon mal fest. Von Hochwasser zu Hochwasser vergehen 12 Std. 25 Min. Das ist ein gemittelter Wert für die Nordseeküste. Und der Tidenzeiger soll natürlich diese Zeit für einen Umgang brauchen. Beim Berechnen der Übersetzung von 0,966 : 1 stößt man schnell auf ziemlich große Primzahlen, die Umlenkräder haben viele Zähne und ungewöhnliche Zahnzahlen. Die kann ich nicht selber fertigen. Da muss ich mich an einen Spezialisten wenden, der das besser kann. Vielen Dank an Fa. Hahn FWT, die mir die beiden Räder schnell und problemlos gefräst hat.

Jetzt geht es an die Umsetzung. Nachdem ich eine Zeit überlegt, gedacht und gerechnet habe, mache ich eine „Zeichnung“. Zuerst für das Tidenrad.

Der Tidenzeiger soll einzeln verstellbar sein, um an den Standort der Uhr angepasst zu werden. In Rotterdam läuft die Flut zu anderer Zeit auf als z.B. in Cuxhaven. Aber erst mal das Rad auf die passende Stärke abdrehen und einen Ansatz stehen lassen. Das zweite Rad spanne ich dahinter, damit sich das zu bearbeitende Rad nicht durchbiegt.

POM (Polyoxymethylene) zu bearbeiten ist eine Sauerei. Die Späne fliegen und verhaken sich auch schon mal im Futter. Aber es ist leicht und haltbar. Da freut sich jemand, das später wieder zu sauber zu machen.

Wenn die Räder soweit fertig sind, drehe ich die Achse für das Tidenrad nach meiner Zeichnung. Warum hat noch keiner meiner Mitarbeiter die Maschine geputzt? Alles muss man selber machen.

Ziemlich Futternah.

Den Vierkant für das Zeigerfutter und die Zeigermutter habe ich eingesetzt.

Die Maße passen sehr gut, auch die Höhe.

An die Rückseite kommt noch ein Vierkant für den Stellknopf.

Als Friktionsfeder nehme ich so einen 4-Stern, wie er heute bei Großuhren üblich ist.

Damit die Feder aber nicht am Kunststoffrad reibt und evt. sogar Späne abschabt, fräse und drehe ich eine Vertiefung in das Rad. So ist die reibende Bewegung sicher zwischen Metall und Metall.

Von vorne wird die Achse mit einer Sicherungsscheibe gehalten.

Damit auch hier nicht Metall auf Kunststoff reibt, sichere ich die Scheibe mit einer Schraube gegen verdrehen.

Ich sichere die Sicherungsscheibe? Da muss ich mal mit einem Deutschlehrer drüber reden…….
Egal, Hauptsache, es funktioniert.

Aber jetzt muss das Rad (und die anderen Räder) noch eingebaut werden. Dazu habe ich mir zwei Acrylglasscheiben zuschneiden lassen.

Die Bohrungen zeichne ich erst mal grob an.

Die Achsabstände fahre ich dann aber auf dem Frästisch ab. Die müssen auf das 10tel passen.

Mir einem Schälbohrer vergrößere ich das hinter Loch auf 10mm für das Q-Werk. Ich nehme die etwas stärkeren Werke. Die ziehen die großen Räder und die langen Zeiger besser durch.

Und dann geht’s los. Das Tidenrad einsetzen.

Das Umlenkrad. Der Tidenzeiger soll sich ja im UZS drehen.

Das Antriebsrad auf dem Stundenrad wird mit sanfter Pressung, ähnlich wie auch ein Stundenzeiger, aufgepresst.

Das Zahnspiel ist ideal, habe ich gut gemacht.

Als Distanzstücke nehme ich solche Gewindehülsen, die ich in der Drehbank auf die passende Länge von 8mm gedreht habe.

Dann noch die vordere Platte aufsetzen, und die Uhr kann über das Wochenende laufen.

Aber HALT! In irgendeiner Grabbelkiste habe ich bestimmt noch ein paar Zeiger, die ich zur Probe aufsetzen kann. Richtig, sogar in fast der passenden Länge.

Jetzt will ich es aber auch ganz besonders schön haben. Ich drucke das Zifferblatt als gekachelte Seite aus.

Mit Papierkleber und Tesafilm setze ich die Seiten zusammen.

Und klebe den Ausdruck auf die Schutzfolie der Acrylscheibe. Dann weiß der Drucker auch gleich, wo Oben ist. JETZT kann die Uhr zur Probe laufen.

Mal sehen, wie das dann mit dem Gehäusering aussieht.

Prima, gefällt mir gut. Dann kann ich jetzt ja ins Wochenende gehen. Vorher habe ich natürlich geprüft, ob der Tidenzeiger wirklich 12 Std. 25 Min. für eine Umdrehung braucht. Ja, das tut er. Alles andere hätte mich auch sehr gewundert.
Während das Zifferblatt beim Drucker ist, mache ich noch die Zeiger. Den Tidenzeiger aus Messing.

Die Zeiger für Stunde und Minute aus Alu.

Von der „Krawattenform“ habe ich Abstand genommen. Die habe ich schon auf der Dezimaluhr. Und diese „Beulenform“ übernimmt das Spiel der Wellen, die an die Küste branden. Dann noch etwas schleifen und entgraten. Dann werden die Zeiger lackiert. Zuerst weiß grundiert.

Der Tidenzeiger wird rot

Die Zeiger für Stunde und Minute blau, mit Glitzereffekt.

Dann habe ich alles soweit zusammen und warte jetzt auf das Zifferblatt. Dann geht’s an den endgültigen Zusammenbau.

HURRA, das Zifferblatt ist fertig.

Dann kann es ja losgehen. Auf das Tidenrad kommt noch der obligatorische Flitter.

Dann wird das Zifferblatt aufgesetzt und festgeschraubt.

Dann der rote Tidenzeiger, natürlich mit einer roten Befestigungsmutter.

Der Stundenzeiger

Und der Minutenzeiger

Den Abschlussreif aufklemmen und ab an die Wand.

Aber irgendwie kommen mir die Zeiger etwas klein und „fipselig“ vor. Na ja, dann muss ich ein paar neue und kräftigere machen.

Ja….. das sieht schon deutlich besser aus.

Die Scheibe habe ich noch nicht eingebaut, weil ich noch ein kurzes Video drehen möchte. Da stören die Reflexe dann sehr.
Video
Aber nach dem Projekt ist vor dem Projekt. Es warten einige Reparaturen auf mich. Und dann muss ich eine Wanduhr mit Dezimalanzeige anfertigen. Für einen Kunden in Österreich.